Die verschiedenen Formen der Weinflaschen

von Manon b.
 

Weinflaschenformen: vollständiger Leitfaden von der Bordeaux-Flasche bis zum Clavelin

Bordeaux-Flasche mit hohen Schultern, Burgunder-Flasche mit großzügigen Kurven, schlanke Elsässer Flöte, gedrungener Clavelin aus dem Jura, provenzalische Korsettflasche. Die Weinflasche ist weit mehr als ein einfacher Behälter – sie ist ein Objekt voller Geschichte, regionaler Traditionen und Glashandwerkskunst. Jede Form erzählt die Identität einer Weinregion und enthüllt manchmal etwas über den Stil des Weines, den sie enthält.

 

Zusammenfassung: 

  • Formen, die aus Geschichte und regionalen Traditionen entstanden sind: Die Weinflaschen (Bordeaux-Flasche, Burgunder-Flasche, Elsässer Flöte usw.) entwickelten sich zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert entsprechend den Konservierungsbedürfnissen und dem lokalen Glashandwerk.

  • Jede Form hat eine technische Funktion: die hohen Schultern der Bordeaux-Flasche zum Zurückhalten von Sedimenten, das dicke Glas der Champenoise zum Widerstehen des Drucks, die schlanke Elsässer Flöte für aromatische Weißweine oder der Clavelin, angepasst an den Vin Jaune.

  • Eine starke Verbindung zu Regionen und Rebsorten: Jede Flasche ist mit einem Weinstil verbunden (Cabernet Sauvignon in der Bordeaux-Flasche, Pinot Noir und Chardonnay in der Burgunder-Flasche, Riesling in der Elsässer Flöte, Rosé in der provenzalischen Flöte).

  • Seltene gesetzlich geregelte Ausnahmen: Nur die Elsässer Flöte und der Clavelin aus dem Jura sind gesetzlich vorgeschrieben, alle anderen Formen beruhen auf rechtlich nicht geschützten Traditionen.

  • Ein visueller Hinweis, aber keine Gewissheit: Die Form kann helfen, die Herkunft oder den Stil eines Weines zu erahnen, garantiert aber nicht seinen Inhalt, da die Erzeuger ihre Flasche frei wählen können.

 

 

Geschichte: Warum gibt es verschiedene Flaschenformen?

Vor dem 17. Jahrhundert wurde Wein nicht in Flaschen aufbewahrt, sondern in Amphoren, Fässern oder Schläuchen. Diese Behälter waren unpraktisch zu transportieren und ermöglichten keine gute Langzeitlagerung – der Wein oxidierte schnell beim Kontakt mit Luft. Im 17. Jahrhundert änderte sich alles dank einer englischen Innovation.

Es waren die Engländer, große Liebhaber französischer und portugiesischer Weine, die als Erste auf die Idee kamen, Wein in Glasflaschen abzufüllen, um seinen Export zu erleichtern. Sir Kenelm Digby, Wissenschaftler und Diplomat, entwickelte um 1630 die erste widerstandsfähige und getönte Glasflasche. Die Glasflasche ermöglichte es, die verkaufte Menge genau zu messen, den Wein vor Licht zu schützen und weitaus bessere Lagerbedingungen als im Fass zu erzielen.

Von da an entwickelte jede französische Weinregion ganz natürlich ihre eigene Flaschenform, entsprechend ihren lokalen Glasblästraditionen und den spezifischen Bedürfnissen ihrer Weine. Diese Formen entstanden nicht durch eine zentrale Entscheidung oder ein Pflichtenheft, sie sind schlicht das Ergebnis von Jahrhunderten regionaler Tradition und handwerklichen Könnens. Die Bordeaux-Flasche entstand im 18. Jahrhundert, die Burgunder-Flasche Ende des 17. Jahrhunderts, die Elsässer Flöte im 19. Jahrhundert.

Historische Kuriosität: Bevor die Bordeauxflaschen zylindrisch wurden, hatten sie die Form eines Kegels, der praktisch war, um auf Sand stabil zu stehen, aber schwer zu verstauen und zu stapeln war. Die Notwendigkeit, Flaschen auf der Seite zu lagern (um den Korken feucht zu halten), erzwang die zylindrische Form, die wir heute kennen.

 

Weinflaschenformen: Referenztabelle

 

Name der Flasche

Herkunftsregion

Eigenschaften

Betroffene Weine & Rebsorten

Bordeaux-Flasche (Frontignan)

Bordeaux

Hohe, ausgeprägte Schultern, gerader zylindrischer Körper, feiner und kurzer Hals

Cabernet Sauvignon, Merlot. Rotweine aus Bordeaux, Südwesten, Languedoc. Die weltweit am weitesten verbreitete Form.

Burgunder-Flasche (Welkes Blatt)

Bourgogne

Runde, abfallende Schultern, leicht konischer Körper, tiefer Einstich

Chardonnay, Pinot Noir. Bourgogne, Beaujolais, Côtes-du-Rhône, Elsass (einige), Provence.

Champenoise

Champagne

Dickes Glas (6 bar Druck), sehr tiefer Einstich, Muselet-Hals, gedrungener Körper

Champagne, Crémant, alle Schaumweine. Druckbeständigkeit ist zwingend erforderlich.

Elsässer Flöte (Germanische Flasche)

Elsass / Deutschland

Sehr schlank, hoch und fein, sehr sanfte Schultern, flacher Boden, sehr langer Hals

Riesling, Gewurztraminer, Pinot Gris. Elsass (durch Dekret von 1955 geschützt), Mosel, Rhein, Österreich.

Clavelin aus dem Jura

Jura

Sehr gedrungen, kurz und eckig, einzigartiges Fassungsvermögen von 62 cl, kurzer Hals

Ausschließlich für Vin Jaune aus dem Jura. Gesetzlich geregeltes Fassungsvermögen, das die nach 6 Jahren Reifung verbleibende Menge darstellt.

Provenzalische Flasche (Korsettflasche)

Provence

Ausladende Kegelform, Einschnürung im unteren Teil, elegant und originell

Roséweine aus der Provence. Zwei Formate: Korsettflasche (Erzeuger-Weine) und Côtes-de-Provence-Flasche.

Ligérienne (Val de Loire)

Loiretal

Schlank, feiner als die Burgunder-Flasche, trägt obligatorisch das Wappen der Region

Muscadet, Sancerre, Pouilly-Fumé, Vouvray. Erkennbar an seinem regionalen Wappen.

Rhodanische Flasche (Côtes-du-Rhône)

Rhônetal

Ähnlich der Burgunder-Flasche

Grenache, Syrah, Viognier.

Porto-Flasche (Portweinflasche)

Portugal

Ähnelt einer Bordeauxflasche, hat jedoch einen Wulst am Flaschenhals, um Sedimente zurückzuhalten

Porto, Madeira, Likörweine. Der Wulst ist eine funktionale Innovation für die Dekantierung.

 

Detailliertes Portrait der wichtigsten Flaschenformen

Die Bordeaux-Flasche (oder Frontignan): Die weltweit am weitesten verbreitete

Die Bordeaux-Flasche ist die weltweit am weitesten verbreitete Flaschenform. In Bordeaux im 18. Jahrhundert eingeführt, zeichnet sie sich durch ihre hohen, breiten und sehr ausgeprägten Schultern, ihren perfekt zylindrischen Körper und ihren feinen, kurzen Hals aus. Ihre geradlinige Silhouette brachte ihr den Spitznamen „Frontignan" im Fachjargon der Glaser ein.

Die Funktion der Schultern ist rein technischer Natur: Sie dienen dazu, Sedimente zurückzuhalten, die sich beim Einschenken in lagerfähigen Rotweinen natürlich absetzen. Wenn man die Flasche zum Einschenken neigt, bleiben die Tanninablagerungen auf Höhe der Schultern hängen, anstatt ins Glas zu gleiten. Aus diesem Grund bevorzugen traditionell sehr tanninreiche Weine, Cabernet Sauvignon aus Bordeaux und Weine aus dem Südwesten, diese Form.

Heute wird die Bordeaux-Flasche weit über die Gironde hinaus verwendet: Südwesten, Languedoc-Roussillon, Provence (teilweise) und weltweit (Kalifornien, Chile, Südafrika, Australien). Ihre rechteckige Form erleichtert die Lagerung im Keller und das Stapeln in Kisten – ein erheblicher logistischer Vorteil für Händler.

Die Burgunderflaschen (oder Feuille morte): die französische Flasche schlechthin

Von vielen als die französische Flasche schlechthin betrachtet, zeichnet sich die Burgunder-Flasche durch ihre runden, abfallenden Schultern aus, die ihr eine weichere und femininere Silhouette als die Bordeaux-Flasche verleihen. Ihr Körper ist leicht konisch, an der Basis breiter als am Hals, und ihr Einstich (die Vertiefung am Boden) ist in der Regel sehr tief.

In Bourgogne Ende des 17. Jahrhunderts entstanden, verdankt sie ihren Beinamen „feuille morte" (welkes Blatt) dem braunorangefarbenen Ton ihres Glases, der an Herbstblätter erinnert. Ihre abfallenden Schultern sind nicht dazu gedacht, Sedimente zurückzuhalten – in Bourgogne sind die Weine im Allgemeinen weniger tanninreich und feiner, und man zieht es vor, behutsam zu dekantieren.

Die Burgunder-Flasche hat sich weit über Bourgogne hinaus verbreitet: Beaujolais, Côtes-du-Rhône, Sancerre, Pouilly-Fumé, und in vielen Regionen der Welt für Weine auf Basis von Pinot Noir und Chardonnay. Fast alle Chardonnays der Welt werden in diesem Flaschentyp abgefüllt.

Die Elsässer Flöte: Die große Dame der Eleganz

Sie ist die höchste der französischen Weinflaschen und eine der beiden einzigen, deren Form gesetzlich geschützt ist (zusammen mit dem Clavelin aus dem Jura). Jeder Wein, der die Appellation Alsace tragen möchte, muss zwingend in dieser schlanken Flöte abgefüllt werden, die durch ihre äußerst feinen und wenig ausgeprägten Schultern, ihren sehr langen Hals und ihren schlanken Körper gekennzeichnet ist. Diese Flasche wird auch als „germanische Flasche" bezeichnet, da ihre Form mit den Weinen vom Rhein und von der Mosel in Deutschland geteilt wird.

Eine visuelle Besonderheit: Elsässer Riesling-Flaschen sind oft braun, während die des deutschen Rieslings in der Regel grün sind – eine alte Konvention, die es ermöglicht, die beiden Traditionen auf den ersten Blick zu unterscheiden.

Der Clavelin aus dem Jura: Der einzigartige Fall

Der Clavelin ist eine der ungewöhnlichsten und bekanntesten Flaschenformen des französischen Weinbaus. Gedrungen, kurz und eckig, ist dieser Flakon mit seinem einzigartigen Profil ausschließlich dem Vin Jaune aus dem Jura vorbehalten, und sein Fassungsvermögen von 62 cl ist kein Zufall: Es entspricht genau der Weinmenge, die nach sechs Jahren Reifung unter dem Hefeschleier aus einem anfänglichen Liter verbleibt. Die natürliche Verdunstung (der „Anteil der Engel") und das Fehlen von Nachfüllung (das Fass wird nicht aufgefüllt) erklären diesen Verlust von 38 cl.

Der Clavelin ist damit eines der beiden einzigen obligatorischen gesetzlich geregelten Formate in Frankreich, zusammen mit der Elsässer Flöte. Einen Vin Jaune in einer 75-cl-Flasche abzufüllen, würde schlicht gegen das Pflichtenheft der Appellation verstoßen.

Die provenzalische Korsettflöte: die ikonische Silhouette des Roséweins

Man kann sie nicht übersehen: Die provenzalische Flasche in Form einer Bowlingkugel, mit ihrer charakteristischen Einschnürung im unteren Teil, ist zu einem der stärksten visuellen Symbole des Roséweins in der Welt geworden. Seit dem internationalen Aufstieg der Provence-Roséweine in den 2000er- und 2010er-Jahren ist diese einzigartige Silhouette zu einer weltweiten Marketing-Ikone geworden.

Die AOC Côtes de Provence verwendet zwei Flaschentypen: die Korsettflasche (für Weine der Einzelerzeuger) und die „Côtes-de-Provence"-Flasche (klassischere Trichterform), die von Genossenschaften und bestimmten Händlern verwendet wird.

Die Champenoise: Die Architektur des Widerstands

Die Champagne-Flasche ist nicht einfach eine Weinflasche mit Bläschen darin: Sie ist eine Meisterleistung der Glasingenieurskunst. Um dem Innendruck des Champagne (etwa 6 bar: dem Dreifachen des Drucks eines Autoreifens) standzuhalten, wird sie aus deutlich dickerem Glas als andere Flaschen hergestellt, und ihr Einstich ist besonders tief, um die Struktur zu verstärken.

Der Hals der Champagner-Flasche ist so gestaltet, dass er ein Muselet (den Drahtkorb, der den Korken hält) aufnehmen kann, und die Schultern sind leicht gerundet, um den Druck zu verteilen. Ihr dunkelgrünes Glas schützt den Wein vor Licht – einzige nennenswerte Ausnahme: die Cristal-Roederer-Flasche des Hauses Louis Roederer aus transparentem Glas, geschützt durch eine gelbe UV-Schutz-Cellophanfolie.

 

Anatomie einer Weinflasche: die 7 Teile, die man kennen sollte

 

Teil der Flasche

Definition & Funktion

Die Kapsel

Metall- oder Kunststoffhülle, die den Korken und den Flaschenhals bedeckt. Schützt den Korken und trägt die Pflichtangaben. Aus Zinn (sehr hochwertig), Aluminium oder Kunststoff je nach Qualitätsstufe.

Der Ring

Leichte Wölbung zwischen Hals und Schultern. Ermöglicht das Aufsetzen der Kapsel oder des Drahtkorbs bei Schaumweinen. Erleichtert auch das Greifen beim Einschenken.

Der Hals / das Goulot

Länglicher zylindrischer Teil zwischen Ring und Schultern. Seine Länge variiert je nach Form: sehr lang bei der Elsässer Flöte, kurz beim Clavelin und bei der Bordeaux-Flasche.

Die Schultern

Übergangsteil zwischen Hals und Körper. Hoch und ausgeprägt (Bordeaux-Flasche): halten Sedimente beim Einschenken zurück. Abfallend und rund (Burgunder-Flasche): weicherer Stil.

Der Bauch / Körper

Breitester Teil der Flasche. Zylindrisch und gerade (Bordeaux-Flasche), leicht konisch (Burgunder-Flasche). Hier wird der Großteil der Flüssigkeit gelagert.

Der Einstich

Vertiefung am Boden der Flasche. Dreifache Funktion: Standfestigkeit der Flasche, Sammlung von Sedimenten beim Dekantieren und Verstärkung der Druckbeständigkeit (sehr tief bei Champagner-Flaschen).

Die Ferse

Basis der Flasche rund um den Einstich. Auflagepunkt der Flasche auf dem Tisch oder im Lagerregal.

 

Der Punts: die geheimnisvolle Vertiefung am Flaschenboden

Im önologischen Fachjargon als „Einstich" bezeichnet, reicht die Vertiefung am Flaschenboden bis ins 4. Jahrhundert zurück und erfüllt mehrere genau definierte Funktionen:

Stabilität : Die auf einem Tisch stehende Flasche ruht auf ihrem Boden und nicht auf ihrer flachen Unterseite, was ihr eine bessere Standfestigkeit verleiht.

Sammlung von Sedimenten: Beim Dekantieren sammeln sich die Tanninablagerungen (bei lagerfähigen Rotweinen) in der Vertiefung des Einstichs und erleichtern so ihre Trennung vom klaren Wein beim Einschenken.

Druckbeständigkeit : Bei Schaumweinen (Champagne, Crémant) verstärkt der sehr tiefe Punts die Widerstandsfähigkeit des Glases gegen den inneren Druck von 6 bar.

Praktisches Einschenken: Ein in den Einstich gesteckter Daumen ermöglicht es, die Flasche beim Einschenken sicher zu halten – eine klassische Sommeliers-Technik für große Flaschen.

Die Tiefe des Einstichs gibt einen indirekten Hinweis auf die Robustheit der Flasche: sehr tief bei Champagner-Flaschen (hoher Druck), mäßig bei Bordeaux- und Burgunder-Flaschen, nahezu nicht vorhanden bei der Elsässer Flöte (deren Boden praktisch flach ist).

 

Die Glasfarbe: weit mehr als eine Frage der Ästhetik

Die Glasfarbe ist keine rein ästhetische Wahl, sie erfüllt eine Schutzfunktion des Weines gegen ultraviolette Strahlen. UV-Strahlen beschleunigen die Oxidationsreaktionen im Wein und können den „Lichtgeschmack" verursachen – eine irreversible Veränderung der Aromen, die besonders schnell bei Schaumweinen und empfindlichen Weißweinen auftritt.

 

Glasfarbe

Verwendung & Zweck

Dunkelgrün (Flasche)

Die am weitesten verbreitete Farbe für lagerfähige Rotweine und strukturierte Weißweine. Filtert UV-Strahlen effektiv. Bordeaux Rouge, Rotweine aus Bourgogne, Champagne, Côtes-du-Rhône.

Rauchbraun / Welkes Blatt

Sehr wirksam gegen UV-Strahlen. In Bourgogne verwendet (Weiß- und Rotweine). Traditionelle Farbe, genannt „feuille morte" (welkes Blatt). Ausgezeichneter Schutz für die Langzeitlagerung.

Hellbraun (Antik)

Elsässer Flöten und germanische Weine. Französischer Riesling oft in Braun, deutscher Riesling oft in Grün. Alte Konvention, die mit regionalen Traditionen verbunden ist.

Farblos (transparent)

Weiß-, Rosé- und Primeur-Rotweine, die jung getrunken werden sollen. Ermöglicht die Beobachtung der Weinfarbe. Weniger schützend gegen UV-Strahlen, für Lagerweine nicht empfehlenswert.

Hellgrün / Gelbgrün

Einige Loireweine, Champagne (manchmal). Mittelmäßiger UV-Schutz. Leuchtender visueller Effekt, geschätzt für trockene Weißweine und Perlweine.

Kobaltblau

Selten für Qualitätsweine verwendet. Eher ein ästhetischer Trend (einige deutsche Weine, aromatische Weine). Wenig schützend, für den schnellen Konsum gedacht.

Transparentes Kristallglas (Cristal Roederer)

Sonderfall: die Cristal-Roederer-Flasche aus transparentem Glas mit flachem Boden. Geschützt durch eine gelbe UV-Schutz-Cellophanfolie. Historische Wahl (Wunsch des Zaren), die aus Tradition beibehalten wird.

 

Die allgemeine Regel: Je länger ein Wein reifen soll, desto getönter und schützender muss sein Glas sein. Ein Bordeaux Grand Cru, der für 20 Jahre Kellerreife bestimmt ist, wird immer in einem dunkelgrünen oder braunen Glas abgefüllt, niemals in einem transparenten Glas. Umgekehrt kann ein Provence-Rosé, der im selben Jahr getrunken werden soll, ohne nennenswerte Gefahr in eine transparente oder leicht getönte Flasche abgefüllt werden.

 

Sind Flaschenformen rechtlich geschützt?

Das ist eine Frage, die sich viele Weinliebhaber stellen. Die Antwort lautet fast nein, mit zwei bemerkenswerten Ausnahmen:

• Die Elsässer Flöte ist durch ein Dekret von 1955 geregelt: Jeder Wein mit der Appellation Alsace muss zwingend in dieser spezifischen Form abgefüllt werden.

• Der jurassische Clavelin ist ebenfalls für die Vins Jaunes aus dem Jura vorgeschrieben, mit seinem gesetzlich geregelten Fassungsvermögen von 62 cl.

Abgesehen von diesen beiden geschützten Formen gilt kein Patent für Flaschenformen. Ein Bordeaux-Erzeuger kann seinen Wein legal in einer Burgunder-Flasche abfüllen und umgekehrt. In der Praxis sind die regionalen Traditionen sehr stark verwurzelt, aber Ausnahmen gibt es, insbesondere bei Winzern, die sich abheben oder spezifische internationale Märkte ansprechen möchten.

Deshalb findet man Bordeaux-Flaschen in Argentinien, Australien und den USA für Weine auf Basis von Cabernet Sauvignon, Burgunder-Flaschen in Neuseeland für Pinot Noir und Chardonnay sowie Elsässer Flöten in Deutschland und Österreich für Rieslings. Die Formen sind mit den Rebsorten und den Winzern gereist und haben sich zu weltweiten visuellen Orientierungspunkten entwickelt.

Die einzige gesetzlich geregelte eingravierte Aufschrift: In Châteauneuf-du-Pape tragen die Flaschen obligatorisch das päpstliche Wappen (die gekreuzten Schlüssel) ins Glas graviert. Bei den Côtes-du-Rhône-Weinen tragen die Flaschen die Aufschrift „Côtes-du-Rhône" auf den Schultern eingraviert. Diese Aufschriften schützen nicht die Form, sondern die visuelle Identität der Appellation.

 

Kann man einen Wein an der Form seiner Flasche erkennen?

Theoretisch ja, in der Praxis mit Einschränkungen. Die Flaschenform gibt einen ungenauen, aber nützlichen visuellen Hinweis auf die wahrscheinliche regionale Herkunft eines Weines:

• Flasche mit hohen, eckigen Schultern wahrscheinlich ein Bordeaux-Wein, ein Wein aus dem Südwesten oder ein Wein auf Basis von Cabernet Sauvignon aus aller Welt

• Flasche mit runden, abfallenden Schultern wahrscheinlich ein vin de Bourgogne, ein Pinot Noir, ein Chardonnay oder ein Rhône-Wein

• Sehr schlanke und feine Flasche mit großer Wahrscheinlichkeit ein Riesling oder ein Elsässer Wein, oder ein germanischer Wein

• Gedrungene Flasche mit 62 cl ausschließlich ein Vin Jaune du Jura

• Flasche in Kegel- oder Korsettform wahrscheinlich ein Roséwein aus der Provence

• Sehr dicke Flasche mit tiefem Einstich ein Champagne oder ein Schaumwein

Diese Interpretation bleibt jedoch annähernd: Die Erzeuger sind frei in der Wahl ihres Behälters, und viele „untypische" Weine verwenden Flaschen, die nicht ihrer regionalen Tradition entsprechen. Die Form ist ein Hinweis, keine Gewissheit.

Häufige Fragen zu Weinflaschenformen

 

Warum haben Weinflaschen unterschiedliche Formen?

Die verschiedenen Formen der Weinflaschen sind das Ergebnis jahrhundertelanger regionaler Tradition. Jede französische Weinregion hat ihre eigene Form entsprechend ihren lokalen Glasbläserpraktiken, den spezifischen Anforderungen ihrer Weine (zurückzuhaltende Tannine, auszuhaltender Druck) und ihrer visuellen Identität entwickelt. Die Bordeauxflasche mit ihren hohen Schultern hält Sedimente zurück, die Champagne-Flasche mit ihrem dicken Glas widersteht dem Druck, und die Alsässer Flöte ist schlicht das Ergebnis einer alten elsässischen Tradition.

 

Was ist der Unterschied zwischen einer Bordeaux- und einer Burgunder-Flasche?

Die Bordeaux-Flasche hat hohe, sehr ausgeprägte Schultern, einen perfekt geraden zylindrischen Körper und einen kurzen Hals. Ihre Schultern haben eine technische Funktion: Sedimente der Rotweine beim Einschenken zurückzuhalten. Die Burgunder-Flasche hat runde, abfallende Schultern, einen leicht konischen Körper und einen tiefen Einstich. Ihre weichere Silhouette spiegelt den Stil der Weine aus Bourgogne wider, die im Allgemeinen weniger tanninreich und feiner sind als die Bordeaux-Weine.

 

Warum ist die Elsässer Flöte so hoch und schlank?

Die Elsässer Flöte ist das Ergebnis einer alten regionalen Tradition, die mit Deutschland und Österreich geteilt wird – all diese Regionen produzieren aromatische Weißweine auf Basis von Riesling, Gewurztraminer und Pinot Gris. Ihre schlanke Form ist durch ein Dekret von 1955 geschützt: Jeder Wein mit der Appellation Alsace muss zwingend in dieser spezifischen Form abgefüllt werden. Der flache Boden (ohne Einstich) ist ein charakteristisches Merkmal.

 

Warum fasst der Clavelin aus dem Jura 62 cl und nicht 75 cl?

Dies ist eine der faszinierendsten Anekdoten der französischen Önologie. Der Vin Jaune aus dem Jura reift mindestens 6 Jahre lang in nicht aufgefüllten Eichenfässern (der Füllstand wird nicht ergänzt) unter einem Hefeschleier. Während dieser 6 Jahre verdunstet ein Teil des Weines – der „Anteil der Engel". Es verbleiben dann nur noch 62 Zentiliter für jeden anfänglichen Liter Wein. Das Fassungsvermögen des Clavelins entspricht genau dieser verbleibenden Menge und macht jede Flasche zum lebendigen Zeugnis von 6 Jahren geduldiger Reifung.

 

Beeinflusst die Flaschenform den Geschmack des Weines?

Die Form allein beeinflusst den Geschmack des Weines nicht. Nur das Volumen der Flasche hat einen echten Einfluss auf die Weinentwicklung: Eine halbe Flasche (37,5 cl) lässt den Wein schneller reifen, ein Magnum (1,5 l) lässt ihn langsamer und harmonischer reifen. Die Form ist in erster Linie eine Frage der regionalen Identität, der Tradition und der Funktionalität (Schultern zum Zurückhalten von Sedimenten, dickes Glas zum Widerstehen des Drucks).

 

Welche ist die einzige Flasche, deren Form gesetzlich geregelt ist?

Es gibt zwei in Frankreich: die Elsässer Flöte (Dekret von 1955, obligatorisch für alle AOC-Alsace-Weine) und den Clavelin aus dem Jura (obligatorisch für den Vin Jaune, mit einem gesetzlich geregelten Fassungsvermögen von 62 cl). Alle anderen Flaschenformen – Bordeaux-Flasche, Burgunder-Flasche, Champenoise, provenzalische Flasche – sind Traditionen, die keinen rechtlichen Schutz genießen. Ein Erzeuger ist technisch gesehen frei, die Flaschenform seiner Wahl zu verwenden.

 

Warum sind Champagne-Flaschen dicker?

Champagne- und Schaumweinflaschen müssen einem Innendruck von etwa 6 bar standhalten, was dem Dreifachen des Drucks eines Autoreifens entspricht. Um ein Platzen der Flasche zu verhindern, wird das Glas deutlich dicker hergestellt als bei Stillweinen, und der Einstich am Boden ist sehr tief, um die Struktur zu verstärken. Deshalb ist eine Champagne-Flasche spürbar schwerer als eine Stillweinflasche gleichen Fassungsvermögens.

 

 

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